12 Monate Tourismus an der Türkischen Riviera  
Rene Herboth     
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 Der lange Weg der Türken

Die Anfänge

Die ersten Spuren dieses langen Weges verlieren sich im Dunkel der Vorgeschichte. Fassbar wird die Existenz türkischer Gruppen erstmals in chinesischen Annalen des 4. Jh. Schon im 6. Jh gründen Türken das erste türkische Khanat (Fürstentum) in Mittelasien.
Nach der islamischen Eroberung Mittelasiens im 8. Jh. traten viele Türken zum Islam über und stellten bereits im 9./10. Jh. die Leibgarde der arabischen Kalifen in Bagdad, aber auch iranischer Fürsten in Buchara.
Heute stellen islamische Völker türkischer Abstammung die Bevölkerungsmehrheit in den südlichen Nachfolgestaaten der Sowjetunion Kirgisistan, Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan. Als Minoritäten leben Türken in Nordchina, in Südrussland, in Afghanistan, Iran, Irak und Syrien, aber auch in Griechenland, Bulgarien, Rumänien, Jugoslawien und Albanien.
Bei vielen turkstämmigen Völkern, die bei ihrer nomadischen oder halbnomadischen Lebensweise geblieben sind, hat sich die Kultur bis ins 19. Jh. nur unwesentlich verändert.
Andere, die sich zu Herrschern über ein Gebiet aufschwangen, das in der Mitte des 11. Jh. von Nordindien bis an die östliche Mittelmeerküste reichte, haben die eroberten Gebiete entscheidend geprägt. Aber auch ihre türkische Kultur wurde durch persische, arabische und griechische Einflüsse entscheidend verändert.
Die Westwanderung der Türken endete nicht mit der osmanischen Eroberung des Balkans. Eine letzte, friedliche Welle begann vor ungefähr fünfzig Jahren mit der Anwerbung türkischer 'Gastarbeiter' für Deutschland.
Auf ihren langen Wanderungen haben Türken eine unglaubliche Fähigkeit bewiesen, sich unterschiedlichsten kulturellen, ökologischen und ökonomischen Verhältnissen anzupassen. Für die heutige Türkei hat das ein türkischer Gelehrter einmal umschrieben mit der Türkisierung Anatoliens und Anatolisierung der Türken.
Wo immer auch Türken auf ihrem langen Weg hinkamen, haben sie die vorgefundenen Kulturen verändert und bereichert, sind aber auch durch diese Kulturen verändert worden. Dieser Prozess hat die gesamte türkische Geschichte geprägt und ist sicher noch nicht am Ende.

 

Die Ghasnawiden

Geschichte und Kultur des ersten türkisch-islamischen Großreiches

Nach dem Tod des in Balch (Nordafghanistan) regierenden Samaniden-Herrschers Abd al-Malik im Jahr 961, gelang es einem seiner türkischen Gardekommandeure, Albtigin, die Macht an sich zu reißen. Von Balch ausgehend, konnte dieser in kürzester Zeit große Teile des zentralafghanischen Fürstentums und dessen Hauptstadt Ghasni erobern. Er gewann damit die Kontrolle über die wichtigen Handelswege, die Iran und Mittelasien mit Indien verbanden.
Der eigentliche Begründer der ghasnawidischen Dynastie war Albtigins Sohn Mahmud (989-1030). Die Eroberung reicher Provinzen, wie z.B. Chorasan, sowie ausgedehnte Feldzüge nach Indien brachte den Ghasnawiden besonders im 11. Jh. unter dem Herrscher Mahmud unermesslichen Reichtum.
Im Reich der Ghasnawiden lebten viele verschiedene Volksgruppen; und so kämpften in einem unter türkischem Kommando stehenden Heer auch Inder, Kurden oder Afghanen.
Die größten Widersacher der Ghasnawiden waren die ebenfalls türkischstämmigen Großseldschuken. Diese konnten schon in der ersten Hälfte des 11. Jh. den Ghasnawiden große Teile ihrer westlichen Reichsgebiete entreißen.
Nach weiteren Jahren kriegerischer Auseinandersetzungen mit den Seldschuken und einem Vasallenstaat, den Ghoriden, mussten die Ghasnawiden im Jahre 1176 schließlich auch ihre letzten Gebiete auf dem indischen Subkontinent aufgeben.

 

Die Großseldschuken

Die Seldschuken gehörten ursprünglich zu dem türkischen Stammesverband der Oghusen in der Region des Altai. Unter der Leitung von Seldschuk ibn Duqaq, auf den sie ihren Namen zurückführten, nahmen sie den Islam an. Im frühen 11. Jahrhundert gelang es Nachkommen Seldschuks an der Spitze nomadischer Reitertruppen große Gebiete Chorasans, des heutigen Iran und Afghanistans, zu unterwerfen. In der Schlacht von Dandaqan (1040) siegten sie über die Ghasnawiden und öffneten den Weg für weitere Eroberungen. Die sunnitischen Seldschuken verstanden sich als Schutzherren des abbasidischen Kalifats, das sie aus der Bevormundung der schiitischen, iranischen Dynastie der Bujiden befreien wollten. Im Jahr 1055 zog Toghril Beg in Bagdad ein und wurde vom Kalifen mit dem Titel 'König des Westens und des Ostens' geehrt. Damit gelangte die Macht über das Gebiet von Anatolien bis Transoxanien für etwa vierzig Jahre in die Hand eines Herrschers und etablierte sich das Reich der Großseldschuken. Doch schon im Jahre 1092 nach dem Tod Malik Schahs und seines Wesirs Nizam al-Mulk, der als großer Organisator und Wissenschaftsförderer bekannt ist, begannen Zerfallserscheinungen. Endgültig zerschlagen wurde die seldschukische Herrschaft 1157 als Sandschar, der letzte großseldschukische Sultan, von den Turkmenen besiegt wurde. Nur im iranischen Raum hielten sich Folgereiche bis zum Mongolensturm 1220. Von weitreichender Bedeutung war außerdem eine Nebenlinie der Großseldschuken, die sich bereits 1071 (Schlacht von Malazgirt) im Kampf gegen Byzanz behauptet und in Anatolien das Reich der sogenannten Rumseldschuken gegründet hatte

 

Die Rumseldschuken

Als Alp Arslan, Neffe des ersten Seldschuken-Sultans Toghril Beg, in der Schlacht von Malazgirt (1071) über die Byzantiner siegte, öffnete er damit Anatolien der turkmenischen Besiedlung. Es bildeten sich mehrere Kleinfürstentümer, von denen für die weitere Geschichte Kleinasiens die Gründung Süleymans in Westanatolien am wichtigsten war. Konya wurde zum Regierungssitz ausgebaut.
Die Bedrohung, die zunächst von Byzanz und dem östlich-benachbarten Fürstentum der Danischmendiden ausging, konnte durch die vernichtende Niederlage der Byzantiner in Myriokephalon (heute Cardak östlich von Denizli) 1176 und die Liquidierung des danischmendidischen Emirats (1178) beseitigt werden.
Kilitsch Arslan II. (1156 - ca. 1185) suchte darüber hinaus die Position seines Reiches durch ein Freundschaftsbündnis mit den Ayyubiden in Damaskus zu festigen. Andererseits erhielt die Armee des dritten Kreuzzugs unter Kaiser Friedrich I. Barbarossa das Recht auf ungehinderten Durchzug.
Die Seldschuken waren an der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes interessiert, und die langen Regierungszeiten von Masud I. (1117-1156) und seinem Sohn und Nachfolger Kilitsch Arslan II. sorgten für Stabilität und dafür, dass sich die durch die Kriegsjahre verwüstete Region erholte. Um den Handel zu fördern, wurden an den wichtigen Handelsrouten Herbergen für die Karawanen im Abstand von Tagesmärschen errichtet. Auch die Landwirtschaft gelangte wieder zu einer Blüte wie in den besten byzantinischen Zeiten. Im Umkreis der Siedlungen wurden Getreidefelder bestellt und Obstgärten gepflegt.
In den Städten waren weiterhin byzantinische, armenische, georgische und jüdische Handwerker tätig. Diese verschiedenen kulturellen Einflüsse spiegeln sich auch in der Architektur.
Den Höhepunkt ihrer Macht erreichten die Rumseldschuken unter Sultan Ala ad-Din Kaiqobad I. (1220-1237). Doch drohte im Osten eine neue Macht. Bereits sechs Jahre nach Kaiqobad Tod schlugen die Mongolen das seldschukische Heer am Köse Dag (1243). Die Seldschuken wurden zu Vasallen der Mongolen. Das Reich zerfiel in einen westlichen und einen östlichen Teil, wobei der Westteil sich mit dem Kaiserreich Nizäa verbündet, der Ostteil die Gunst der mongolischen Oberherren genoss. Nach einem Versuch Muin ad-Dins das Seldschukenreich zu einigen, der jedoch in seiner Hinrichtung endete, zerfiel es in zahlreiche unabhängige Kleinfürstentümer. Anfang des 14. Jahrhunderts übernahmen schließlich die Mongolen selbst die Verwaltung der verbleibenden Gebiete.
Eines der genannten turkmenischen Kleinfürstentümer war das osmanische Emirat, das sich im Verlauf des nächsten Jahrhunderts von seiner unbedeutenden Rolle zu einer neuen Großmacht emporarbeiten sollte.

Die Osmanen

Das Osmanische Reich entstand an der Grenze zu Byzanz aus einem der Fürstentümer, die nach der Zerschlagung des Reichs der Rumseldschuken und in dem politischen Chaos nach dem Mongolen-Sturm in Anatolien entstanden waren. In der Herrschaftszeit Osmans (1281 ? - 1326) begann das kleine, in der Gegend von Eskisehir gelegene Fürstentum sich auszudehnen und an Bedeutung zu gewinnen. Unter Osmans Nachfolgern gelang es 1353 mit Cympe (Cimenlik) einen Brückenkopf auf europäischem Boden in Besitz zu nehmen. Im Jahr 1361 wurde Adrianopel (Edirne) eingenommen und zwei Jahre später zur Hauptstadt des Osmanischen Reiches ernannt. Zunächst waren die europäischen Besitzungen für das Reich von größerer Bedeutung, was sich in der Stellung des dortigen militärischen Führers (beglerbeg) spiegelte, der auch über den beglerbeg von Anatolien das Oberkommando innehatte.
Für den endgültigen Untergang des Byzantinischen Reichs sorgte schließlich hundert Jahre später Mehmet II. (1451-1481) mit der Eroberung Konstantinopels 1453. Die Stadt wurde neue Hauptstadt. Weitere Feldzüge auf dem Balkan, im Nahen Osten und Nordafrika setzen das Wachstum des Staates fort. Erst im 16./17. Jh. erreichte das Reich seine größte Ausdehnung. Das Osmanische Reich erstreckte sich nun von Ungarn bis zum Persischen Golf und an der Mittelmeerküste Afrikas von Ägypten bis zum heutigen Tunesien. Erst nachdem 1683 der Versuch der Osmanen, Wien einzunehmen, ein zweites Mal scheiterte, fand der osmanische Expansionismus sein unwiderrufliches Ende.
In dem so entstandenen Reich lebte eine Vielzahl verschiedener Volksgruppen. Dabei gehörte die Mehrheit der Bevölkerung seit den Eroberungen Selims I. (1512-1520) im Nahen Osten dem muslimischen Glauben an, daneben gab es jedoch zahlreiche nichtmuslimische Minderheiten (Christen verschiedener Konfessionen, Juden). Das Rückgrat der steuerzahlenden Bevölkerung bildeten im Osmanischen Reich die Bauern. Daneben waren in den städtischen Basaren die verschiedensten Handwerker tätig, und osmanische Händler unterhielten ein weitgespanntes Handelsnetz.
In seiner mehr als 500-jährigen Geschichte erlebte das Osmanische Reich verschiedene Phasen kultureller Blüte. Hervorzuheben ist die Regierungszeit Süleyman des Prächtigen (1520-1566), der nicht nur, wie andere Sultane vor und nach ihm, als Kunstmäzen auftrat, sondern in dessen Regierungszeit auch mehr als 100 Bauwerke des berühmten Architekten Sinan entstanden (z.B. Süleymaniyye Moschee in Istanbul). Ebenfalls aufgrund ihrer kulturellen Leistungen zu erwähnen, ist die sogenannte 'Tulpenzeit' während der Regierung Sultan Ahmets III. (1703-1730), die ihren Namen der Tulpenliebe des Sultans verdankt. Neugezüchtete, farbenprächtige Tulpenarten zierten die in dieser Zeit besonders gepflegten, höfischen Gärten, in denen pompöse Feste abgehalten wurden.
Der kulturelle Glanz der Tulpenzeit stand jedoch im Gegensatz zu außen- und innenpolitischen Schwierigkeiten, in denen sich das Reich bereits befand. Schließlich sorgten schwere Niederlagen im Osmanisch-Russischen Krieg (1768-1774) dafür, die Einführung von europäischer Militärtechnik zu forcieren. Im 19. Jh. versuchte man in der Zeit der Tanzimat ('Neuordnung', 1839-1878) durch Reformen nicht nur im militärischen Bereich, sondern auch in der Justiz, der Administration und der Bildung, das Reich aus der Krise und aus der Einflussnahme europäischer Mächte zu befreien. Der Zerfall des Osmanischen Staates wurde dadurch jedoch nicht mehr aufgehalten. Wirtschaftlicher Niedergang, zunehmende Abhängigkeit von Europa, Kriege mit Rußland und auf dem Balkan sowie die Beteiligung am I. Weltkrieg und die darauffolgende Niederlage mündeten in der Auflösung des Osmanischen Reichs. 1923 wurde nach erfolgreichem Kampf um die nationale Autonomie unter Mustafa Kemal Atatürk die türkische Republik, nun Kleinasien und Teile Thrakiens umfassend, gegründet.

 

19.-20.Jahrhundert

Alltagskultur der Oberschicht in spätosmanischer Zeit.

Im 19. Jh. kam es innerhalb des Osmanischen Reiches zu tiefgreifenden sozialen und politischen Veränderungen. Diese bewirkten eine allmähliche Öffnung für europäische Einflüsse und Ideen. Davon betroffen waren hauptsächlich die Angehörigen der städtischen Oberschicht, innerhalb derer es zur Entstehung einer nach Europa orientierten Elite kam.
Trotz der zunehmend westlichen Prägung innerhalb der Lebens- und Konsumgewohnheiten blieben doch weite Bereiche des Alltagslebens davon weitgehend unbeeinflusst. So existierte beispielsweise nach wie vor die Aufteilung des Hauses in einen den Männern der Familie und ihren männlichen Besuchern vorbehaltenen Empfangsbereich (selamlik) und einen für die Familie, d.h. die Frauen, und ihre weiblichen Gäste reservierten Teil (haremlik).
Auch viele der alltäglichen Vergnügungen, wie beispielsweise der wöchentliche Gang ins öffentliche Bad, Besuche bei Verwandten und Bekannten oder Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung, folgten weiterhin traditionellen Mustern.

Kaffee und Tabak

Zwei in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens unverzichtbare Begleiter waren Kaffee und Tabak, deren Zubereitung und Genuss stark formalisiert waren. Für die Zubereitung des Kaffees wurden die zu feinem Pulver zerkleinerten Kaffeebohnen zusammen mit Wasser in einer langstieligen Kanne aus Kupfer erhitzt. Je nach Geschmack kamen Zucker und Aromastoffe hinzu. Nach dem Aufkochen der Flüssigkeit und einer kurzen Wartezeit servierte man das so entstandene dunkle, dickflüssige Getränk in kleinen Porzellantassen.
Die notwendigen Utensilien, Kaffeekannen, Tassen und Untersetzer, waren je nach sozialer Stellung der Besitzer aus mehr oder weniger edlen Materialien gefertigt und aufwändig verziert. Während oder nach dem Kaffee, den man aus kleinen henkellosen Porzellantassen trank, die in zierlich gearbeiteten metallenen Tassenhaltern serviert wurden, reichten Bedienstete die mit wohlriechendem Tabak gefüllte Pfeife.
Die von den Osmanen, Männern wie Frauen gleichermaßen, bevorzugten Pfeifen bestanden aus drei Teilen: dem Rohr, dem die ganze Pfeife ihren Namen verdankt, dem Pfeifenkopf und dem Mundstück.

Hamam - das türkische Bad

Das Bad gehört zu den typischen und unverzichtbaren Elementen einer islamischen Stadt. Ausgehend von den religiösen Reinheitsvorschriften des Islam entwickelte sich im gesamten Orient eine einzigartige und vielschichtige Badekultur.
Bäder waren Orte der Entspannung und Geselligkeit zugleich. In ihnen fand eine Reise ihren Abschluss oder die Mutter eines jungen Mannes ihre zukünftige Schwiegertochter. Die Damen der osmanischen Oberschicht ließen sich von ihren Dienerinnen ins Bad begleiten. Diese trugen die Badeausstattung, die in ein eigens für diesen Zweck vorgesehenes und prächtig besticktes Atlas- oder Samttuch eingeschlagen war und durch ihre Qualität und Pracht die soziale Stellung und den Reichtum der Familie zum Ausdruck brachte. Neben Tüchern unterschiedlicher Größe und Qualität umfasste sie eine Vielzahl weiterer Gegenstände, darunter eine Messingschale zum Schöpfen von Wasser, verschiedene Kämme, Hornhauthobel, Frottierhandschuhe aus Ziegenhaar sowie hohe Badesandalen aus Holz mit Perlmutteinlagen. Weitere unentbehrliche Begleiter waren diverse Reinigungs- und Schönheitsmittel, wie z.B. die in einem speziellen Behältnis transportierte Seife.
Viele der hier geschilderten Lebensgewohnheiten veränderten sich im Zusammenhang mit dem Ende des Osmanischen Reiches dergestalt, dass sie entweder völlig verschwanden oder sich den veränderten Umständen anpassten. Entsprechend verhielt es sich mit der materiellen Kultur, deren Pracht die hier gezeigten Beispiele widerspiegeln.

 



 

Volksglaube und Religion

Obwohl die Seldschuken und Osmanen, offiziell den sunnitischen Islam vertretend, in ihren Reichsgebieten nicht versuchten, die alteingesessene Bevölkerung zum Islam zu bekehren, traten diese im Lauf der Zeit doch immer mehr zum Islam über. Motive hierfür waren etwa die Befreiung von der Kopfsteuer, die Nichtmuslime zu zahlen hatten, oder die Absicht eine Karriere in Staatsämtern anzustreben. Aber auch Sufis und Derwisch-Bruderschaften hatten bei der Verbreitung des Islam im direkten Kontakt mit der lokalen Bevölkerung eine nicht unerhebliche Bedeutung. Für den osmanisch-türkischen Islam waren vor allem die volksnahen Bektaschi, die spirituellen Mevlevi und die orthodoxen Nakschibendi von Bedeutung. Trotz des Verbots von Derwischorden im Jahr 1925 fanden sie Formen des Überlebens.

Muslime in der Türkei sind heute mehrheitlich Sunniten. Zentral für sie ist die Befolgung der 5 Pflichten des Islam (1. Glaubensbekenntnis zum Islam, 2. täglich fünfmal Beten, 3. die Abgabe einer Armensteuer, 4. Fasten im Monat Ramadan, 5. Pilgerfahrt nach Mekka). Neben den Sunniten ist ein hoher Prozentsatz türkischer Staatsbürger dem Alevitentum (über 20 %) zuzurechnen. Bei den Aleviten kommt Ali, dem Schwiegersohn Muhammeds, eine besondere Verehrung zu, bei ihnen trifft man auf eine reiche Kultur eines Volksislam mit mystischen Elementen.
Im türkischen Volksislam kann man noch Glaubensvorstellungen aus vorislamischer Zeit und von in der Türkei ansässigen nichtmuslimischen Gemeinschaften sowie zahlreiche magische Praktiken entdecken. Zum Teil erinnern diese auch an aus Mittel- und Zentralasien stammende Glaubensformen (z.B. Wunschbänder, die an Bäumen angebracht werden).
Das beliebteste Schutzamulett ist heute das "blaue Auge", das den auf Neid zurückzuführenden "Bösen Blick" abzuwenden hat. Weite Verbreitung haben auch Amulette, deren Schutzkräfte alleine in eingeschriebenen Worten und Symbolen liegen. Vielfach handelt es sich hier um Koranverse. Von kalligraphischen Tableaus, die als Wandschmuck in privaten Räumen, Moscheen und Ordenskonventen aufgehängt werden, geht vielfach auch eine schutz- bzw. heilbringende Wirkung aus. Rein kalligraphische Darstellungen sind stärker im orthodoxen Islam verbreitet, menschliche Darstellungen werden von ihm weitgehend abgelehnt.
Wallfahrtsorte genießen im türkischen Volksglauben ein hohes Ansehen. Es handelt sich hier vor allem um Grabstätten von Personen, denen eine besondere Segenskraft (bereket) zugesprochen wird. Sie werden aufgesucht, um dort die Erfüllung von Wünschen oder die Befreiung von Sorgen zu erbitten. In diesem Zusammenhang werden häufig Gelübde abgelegt. Während die Wallfahrt im Diesseits helfen soll, sind Inschriften auf Grabsteinen meist auf das Jenseits gerichtet. So findet man dort häufig die an Passanten gerichtete Aufforderung eine ruhuna fatiha ("für die Seele des Verstorbenen eine fatiha [Eröffnungssure]") zu beten, damit der Tote im Jenseits wohlgefällig aufgenommen werde.

Nach wie vor gibt es in der Türkei Nichtmuslime. Es handelt sich bei Ihnen vor allem um Christen (Armenier, Griechen) und Juden, die vor allem in Städten wohnen. Kleinere Religionsgemeinschaften, wie beispielsweise die der Kurdisch sprechenden Yeziden (Angehörige einer synkretistischen Religion) und die der christlichen Süryani, trifft man noch vereinzelt im ländlichen Südosten der Türkei an.

 

Migration und Multikulturalität

 

 

Die Geschichte der Türken ist von Migration wie von soziokultureller, ethnischer und religiöser Vielfalt geprägt.
Strategien zur Bewältigung beim Zusammentreffen verschiedenster Kulturen sind in der türkischen Kultur als lebendige Geschichte erfahrbar. Formen der Migration gründen meist auf leidvolle, teilweise traumatische Ereignisse, auch dies trifft für die türkische Geschichte zu. Migration ist meist die Folge von Kriegen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen.
In ihrem Ergebnis mündeten Migrationprozesse in der Geschichte der Türken in Gesellschaftsformen, in denen ein Zusammenleben, Miteinander und Nebeneinander in einer von Toleranz geprägten multikulturellen und -religiösen Atmosphäre möglich war und ist. Schließlich kann man Multikulturalität trotz zahlreicher Spannungen in der Geschichte der Türken als ein bereicherndes Element sowie kreative Kraft in Kunst und Kultur erkennen. Das Zusammenleben unterschiedlicher Gruppen, ob gewollt oder erzwungen, erfordert Mobilität und Flexibilität, Anpassung und Autonomie. Dies hat die türkische Geschichte immer wieder unter Beweis gestellt.
Im Beleuchten von Formen der Migration und der Multikulturalität in der spätosmanischen und republikanischen Türkei wird anhand von Fotografien versucht, ein erweitertes Verständnis von Migrationsprozessen und -ursachen zu vermitteln sowie ein lebendiges Bild von Multikulturalität zu zeigen. Zugleich soll damit auch zu einem offeneren Umgang mit Multikulturalität in unserer Gesellschaft angeregt werden.

 

Multikulturalität

War der osmanische Vielvölkerstaat in religiöser Hinsicht ein Reich mit einer überwiegend muslimischen Bevölkerung, so gab es doch eine Vielzahl nichtmuslimischer Minderheiten. Die meisten von ihnen waren griechisch-orthodoxe Christen, die sowohl im Westen des Reiches als auch in Städten wie Istanbul oder Izmir vertreten waren. Armenier lebten als Bauern in Ostanatolien, ebenso in einigen Städten Kleinasiens und in Istanbul, wo sie als Handwerker und Händler tätig waren. Kleinere christliche Gemeinschaften wie die der Nestorianer und Süryani siedelten im abgeschiedenen südöstlichen Anatolien (z.B. Provinz Mardin). Juden lebten vor allem als Kaufleute und Handwerker in Städten wie Istanbul oder Bursa. Sephardische Juden, die im 15.Jh. nach der Reconquista Spanien verlassen mussten, wurden im Osmanischen Reich aufgenommen. Christen und Juden waren, wie die Muslime, in autonomen Gemeinschaften, den so genannten millet, organisiert. Sie besaßen unter der Leitung ihres religiösen Oberhaupts eine eigene Verwaltungsstruktur.
Neben dieser religiösen Vielfalt war bzw. ist auch die Gruppe der Muslime in sich sehr heterogen. Auf ethnischer Ebene ist neben den Türken - überwiegend hanefitische Sunniten - die zweitgrößte muslimische Gruppe die der Kurden, mehrheitlich schafiitische Sunniten. Die verschiedenen Dialekte des Kurdischen gehören zur iranischen Sprachfamilie. Von feudalen Strukturen geprägt, lebten Kurden traditionell als Bauern im südöstlichen Anatolien. Innerhalb dieser beiden Gruppen trifft man auch auf Nichtsunniten, nämlich den Aleviten. Sie siedelten früher nur in den ländlichen Gebieten Anatoliens. Eine weitere wichtige muslimische Gruppe bilden bis heute die Lazen an der Schwarzmeerküste, deren Sprache zur kaukasischen Sprachfamilie gehört. Innerhalb der muslimischen Gemeinschaft kam des Weiteren den verschiedenen Derwischorden auch in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht eine integrale Bedeutung zu. Auffällig war im Osmanischen Reich zudem, dass die verschiedenen Berufsgruppen stark landsmannschaftlich geprägt waren.
Wenngleich in veränderter Form trifft man in der Türkei heute noch auf eine multikulturelle Gesellschaft, die sich in eine Vielzahl religiöser, sozialer und ethnischer Gruppen aufgliedert.   

 

Migration, Flucht und Vertreibung

Im Osmanischen Reich lebte eine Vielzahl verschiedener Volksgruppen, die durch Zuwanderung bzw. durch die osmanische Expansion in das Reich integriert wurden. Mit dem 19. Jh. kam es aufgrund zahlreicher Kriege, dem Verlust von osmanischen Reichsgebieten und nationaler Unabhängigkeitsbewegungen zu einer massiven Veränderung der Bevölkerungsstruktur innerhalb dieses Vielvölkerstaats. In der Türkei kam es zum weiteren Wandel in der Bevölkerungszusammensetzung.

Einwanderer von der Krim und aus dem Kaukasus

Bereits zum Ende des 18. Jh. suchten mit der Besitznahme der Krim durch die Russen die dort ansässigen Muslime im Osmanischen Reich Zuflucht. 1863 kam es zur russischen Invasion im Kaukasus. In der Folge flüchteten hunderttausende Kaukasier in das Osmanische Reich. Zu einer erneuten Flüchtingswelle nach Anatolien kam es nach dem russisch-osmanischen Krieg von 1877-78.

Migration vom Balkan

1877 erklärte Russland auf dem Balkan den Osmanen den Krieg, dessen Ziel die Gründung eines bulgarischen Staates in den Provinzen Tuna und Edirne war. Eingeleitete Massaker bulgarischer Milizen an der muslimischen Bevölkerung führten zu einer Massenflucht. Unter den Flüchtlingen, die über Edirne nach Istanbul gelangten, befanden sich auch zahlreiche Griechen und Juden. Selbst nach Ende des Krieges hörte die Migration vom Balkan nicht auf. Zwischen 1877-91 siedelten sich mehr als eine halbe Mio. Balkanflüchtlinge in Thrakien und Anatolien an. Der Balkankrieg von 1912, in dem Serbien, Montenegro, Griechenland und Bulgarien dem Osmanischen Reich den Krieg erklärten, hatte eine weitgehende Zurückdrängung der europäischen Reichsgrenzen zur Folge, welche in etwa noch denen der heutigen türkischen Republik entsprechen. Fast eine halbe Mio. Menschen vom Balkan suchten nun Zuflucht im Osmanischen Reich.

Deportation der armenischen Bevölkerung

Während die Armenier bis Anfang des 19.Jh. noch als eine "loyale Nation" galten und oft führende Stellungen im Osmanischen Reich einnahmen, verschlechterte sich ihre Situation zusehends aufgrund einer wachsenden armenischen Nationalbewegung und ihrer Unabhängigkeitsbestrebungen. Zu ersten Pogromen gegen Armenier kam es Ende des 19. Jh. Auf vermutete oder reale Parteinahme an russischen Militäraktionen von Armeniern reagierte die osmanische Regierung im Jahr 1915 während des I. WK. mit der Vertreibung der Armenier aus Anatolien nach Syrien und in den Nordirak. Auf ihrer Deportation wurden die Armenier nur unzureichend versorgt, und es kam zu Massakern an den Armeniern durch irreguläre Truppen. Diejenigen, die nicht bereits auf ihrem Marsch in die Verbannung umgekommen waren und die für sie vorgesehenen Orte erreichten, an denen jegliche Existenzmöglichkeit fehlte, starben vielfach durch Epidemien und Hunger. Konkrete Zahlen der Opfer sind schwer zu belegen. Nur in Istanbul, Izmir und Kütahya konnten Armenier zum Teil der Deportation entgehen. Heute leben nur noch wenige zehntausend Armenier in der Türkei, überwiegend in Istanbul.

Bevölkerungsaustausch von Griechen und Türken

Nach der Niederlage der Osmanen im I. WK. versuchten die alliierten Mächte das Reich unter sich aufzuteilen, dieser Versuch schlug fehl. Griechenland hielt seit 1919 Westanatolien und Izmir besetzt. Im Kampf um die nationale Unabhängigkeit konnten schließlich die Türken 1922 die griechischen Truppen aus Anatolien vertreiben. Die Mehrzahl der Griechen in Westanatolien, aber auch Griechen aus anderen Gebieten der Türkei (Thrakien, Istanbul, Schwarzmeerküste) flüchteten nach Griechenland. In der Lausanner Konvention (1923) wurde schließlich der gegenseitige Austausch der restlichen griechisch-orthodoxen bzw. muslimischen Bevölkerung beschlossen. Im Rahmen des Bevölkerungsaustausches kam es zur Abwanderung von mehr als 1 Mio. Griechen. Im Gegenzug kamen eine halbe Million Muslime aus Griechenland und dem Balkan in die Türkei. Istanbuler Griechen und Türken im griechischen Westthrakien waren von dem Bevölkerungsaustausch ausgenommen, über 100.000 Griechen durften in Istanbul verbleiben. Politische Krisen zwischen Griechenland und der Türkei sowie gegen Griechen gerichtete Aktionen führten zu immer wieder neuen Auswanderungswellen türkischer Griechen, so dass ihre Zahl heute in der Türkei auf wenige Tausend zusammengeschrumpft ist. Zur Abwanderung weiterer christlicher Gruppen kam es vor allem unter den Süryanis.

Weitere Beispiele von Immigration und Emigration in der Türkei

In der Geschichte der Republik Türkei kam es während des II. WK. zur Immigration und mit der Gründung des Staates Israel schließlich zur verstärkten Emigration von Juden. Zahlreiche jüdische und antifaschistisch eingestellte Wissenschaftler und Intellektuelle fanden vor den Nazis Zuflucht in der Türkei. In der jüngeren Geschichte kam es in den 50er Jahren aufgrund nationalistischer Maßnahmen in Bulgarien und der Errichtung der sozialistischen Herrschaft in Jugoslawien zu bedeutenden Auswanderungen von Bosniern, Türken und Albanern in die Türkei.

 

Binnenmigration und Migration aus der Türkei nach Deutschland

1927 lebten in der Türkei noch 75% der Gesamtbevölkerung auf dem Land. Heute liegt der Anteil der Stadtbevölkerung bei etwa 70%. Ausschlaggebend ist seit Mitte des 20.Jh. die einsetzende Landflucht und Verstädterung. Die Ursachen der Binnenmigration gründen auf verschiedenen Faktoren: Veränderungen in der landwirtschaftlichen Produktion, Bevölkerungswachstum auf dem Land und eine daraus resultierende Unterbeschäftigung sowie gewaltsame Auseinandersetzungen in den südöstlichen Provinzen der Türkei führten zu einer Migration in die Städte. Dort suchte man Zuflucht bzw. hoffte auf Beschäftigungsmöglichkeiten, die durch Industrialisierungsprozesse in den Städten geschaffen wurden. Während in Istanbul Anfang der 60er Jahre nur rund 1 Mio. Einwohner lebten, ist ihre Zahl heute auf mehr als 14 Mio. angewachsen. Durch die Land-Stadt-Wanderung hat sich dort die soziale Struktur verändert, weshalb man heute auch von einer "Anatolisierung" Istanbuls spricht.

Die Migration aus der Türkei nach Deutschland beginnt bereits zu Beginn des 20.Jh. So wurden z.B. türkische Arbeiter nach Berlin geholt, um in der Zigarettenfabrik "Pera" zu arbeiten. Auch in den Gründungsjahren der türkischen Republik kamen viele Türken zur Ausbildung oder Arbeit nach Deutschland. Von einer wirklichen Migration aus der Türkei kann jedoch erst seit Anfang der 60er Jahre gesprochen werden. Zunächst kamen viele Türken als Arbeitskräfte nach Deutschland. Die Anwerbung türkischer Arbeitnehmer erfolgte aus rein wirtschaftlichen Überlegungen. Im Vorfeld wurden die Bewerber in der Türkei vor allem nach gesundheitlichen Auswahlkriterien auf ihre Voraussetzungen für die Arbeitsaufnahme in der Bundesrepublik Deutschland überprüft. Dachte man anfangs an einen begrenzten Arbeitsaufenthalt in Deutschland, sind im Zuge der Familienzusammenführung seit den 70er Jahren türkische Familien überwiegend oder vollständig nach Deutschland übergesiedelt. Die 2. und 3. Generation türkischer Immigranten hat sich mehrheitlich für einen dauerhaften Verbleib in Deutschland entschieden. Sie sind erfolgreich in allen Berufsbereichen, vor allem auch als Selbstständige, vertreten. Neben der Pflege einer eigenen türkischen Kultur kommt es zu einer Identifizierung mit dem deutschen lokalen Umfeld.

Osmanisch-türkische Kunstmusik

In der osmanischen Türkei entwickelte sich die Musik auf zwei voneinander getrennten Ebenen: Kunst- bzw. Hofmusik (sanat müzigi) und Volksmusik (halk müzigi).
Die Kunstmusik wurde weitgehend mündlich tradiert. Versuche der Verschriftlichung von Kompositionen wurden unternommen, so schuf beispielsweise der armenische Kirchenmusiker Hamparsum Limondschian (1768-1839) eine eigene Notenschrift. Innerhalb vorgegebener Ton- und Melodiemodelle (makam) bieten sich in der Kunstmusik viele Improvisationsmöglichkeiten. Durch das Spiel aller Instrumente auf derselben Stimmleiter erhält die Musik einen harmonischen Klangcharakter. Raffinierte Koloraturen finden sich vorwiegend in Sologesängen. Die wichtigsten Musikinstrumente der Kunstmusik sind ud (Kurzhalslaute), kanun (Zither), keman (Geige), rebab (Streichlaute), ney (Rohrflöte) und kudüm (kleine Doppelpauke).
Die Kunstmusik entwickelte sich aus verschiedenen Einflüssen, islamisch-arabischen, jüdischen, orientalisch-christlichen, neupersischen sowie aus Elementen der Volksmusik einzelner Regionen. Die osmanische Kunstmusik erreichte bereits im Spätmittelalter am osmanischen Hof ihre Vollendung. Unter den bedeutenden Komponisten der klassischen Kunstmusik finden sich auch Armenier, Griechen und Juden, die besonders durch religiöse Musikstücke bekannt geworden sind. Religiöse Musik ist sowohl ein wichtiger Zweig der Kunstmusik als auch der Volksmusik. Während die Musik der Mevlevis (den tanzenden Derwischen) eher innerhalb der Kunstmusik anzusiedeln ist, kann man die Musik des Bektaschi-Ordens mehr der Volksmusik zuordnen.
Der bekannteste Komponist klassischer Kunstmusik ist Ismail Dede Efendi (1778-1846). In seinen Werken hat er geistliche und weltliche Musik, Volksmusik, aber auch Einflüsse der westlichen Musik verarbeitet.
Eine umgekehrte Beeinflussung fand in Europa vor allem durch die Janitscharen-Musikkapellen (mehter takimi) statt. Die osmanische Militärmusik wird nur mit Schlag- und Blasinstrumenten gespielt. Nach der Niederlage der Osmanen (Wien 1683) kam es im europäischen 18.Jh. im Rahmen der Türkenmode zur Rezeption dieser osmanischen Musik, z.B. in Kompositionen wie Mozarts "Alla Turca", vor allem aber in Militärkapellen und in der Marschmusik.

Türkische Volksmusik

Eine wichtige Tradition in der türkischen Volksmusik ist die Verknüpfung von Musik mit einer reichen Volkspoesie. So genannte Aschik-Sänger trugen eigene bzw. überlieferte Liedgedichte vor, die sie selbst mit einer Langhalslaute saz begleiteten. Einer der letzten bedeutenden Vertreter dieser Musiktradition war Aschik Veysel (1894-1973). Bis heute lebt diese Musikform vor allem im alevitischen Milieu fort. Die Volkslieder werden strophisch und mit Kehrreim vorgetragen. Liedinhalte stammen aus dem Leben der Menschen und handeln von Liebe, Schönheit, Natur, Arbeit, Kampf und Widerstand.

Die Langhalslaute saz bzw. baglama ist das begleitende Instrument von Volksliedern. Die Lauten tragen je nach ihrer Größe unterschiedliche Namen. Sie haben mindestens drei Doppelsaiten, die mit einem Plektrum angerissen werden und rund 20 bewegliche Bünde haben.

Weitere wichtige Musikinstrumente in der Volksmusik sind die davul (Trommel) und die surna (Kegeloboe), die die meisten Volkstänze musikalisch-rhythmisch begleiten. Neben der kaval (Flöte ohne Mundstück) und der ney (lange Rohrflöte) ist die Verbreitung anderer Musikinstrumente von Region zu Region und von Ethnie zu Ethnie verschieden. Vor allem die Schwarzmeerregion hebt sich durch eigene Musikinstrumente ab. Am bekanntesten ist hier im Gegensatz zur griechischen bauchigen Version die schmale lange karadeniz kementschesi (Spießgeige). Aserbaidschanische und kaukasische Tänze und Lieder werden von einem Akkordeon begleitet. In West- und Inneranatolien werden bei Tänzen Trommeln (darbuka und tef), Fingerschellen (zil) und Löffel gebraucht. Die Spießgeige mit Kürbiskorpus ist in Südwestanatolien verbreitet.

Die türkische Volksmusik wird in zwei Melodietypen unterteilt: uzun hava: lang gedehnte Weise und in der Regel eine metrisch freie Form (vor allem im Osten der Türkei); und kirik hava: gebrochene bewegte Form mit einfachem Melodieaufbau, festen Metren und straffen Rhythmus.

Karagöz

Das humorvolle türkisch-osmanische Schattenspieltheater ist nach der Hauptfigur Karagöz ("Schwarzauge"), einem lebensfrohen, einfachen aber witzig gerissenen Mann aus dem Volk, benannt. Das Karagöztheater erschließt sich einem durch den Vergleich mit dem deutschen "Pendant", dem Kasperletheater. Karagöz bildet zusammen mit seinem Nachbarn Hadschivat, einem gebildeten Vertreter der städtischen Bildungschicht, die Hauptfigurengruppe im Schattenspiel. Neben diesen Figuren treten im Karagöztheater weitere Typen auf. Bei diesen handelt es sich um Repräsentanten der Istanbuler Gesellschaft und der verschiedenen religiösen und ethnischen Gruppen des osmanischen Vielvölkerstaats, aber auch um Randgruppenvertreter sowie Fabelwesen. Je gegensätzlicher die dargestellten Charaktere der einzelnen Figuren sind, desto mehr Möglichkeiten ergeben sich im Schattenspiel für Komik, Ironie und Satire. Mitunter auch als eine sozialkritisch geprägte Theatergattung ist das Schattenspiel ein Spiegel der spätosmanischen multikulturellen Gesellschaft. Vor allem auf der Ebene der sprachlichen Kommunikation wird der multikulturelle Kontext thematisiert.
Traditionell wurde das Schattenspiel während des Fastenmonats und bei Beschneidungsfesten aufgeführt. Karagözspieler verfügten früher über ein Repertoire an 30 Stücken, für jeden Tag im Ramadan wurde von ihnen dem Publikum ein anderes Stück dargeboten. Jedes Stück besteht aus einem mystischen Ghazel (perde gazeli), einem Dialog (muhavere), der Haupthandlung (fasil) und einem Epilog. Die Stücke stehen in keiner Beziehung zueinander.
Die durchscheinenden bunten beweglichen Figuren aus Rinder- oder Kamelhaut werden gegen eine erleuchtet Leinwand gedrückt. Alle Schattenspielfiguren werden von dem Karagöz-Spieler alleine geführt. Die Stimmen der verschiedenen Figuren werden von ihm gesprochen, er singt auch Lieder und sorgt für Begleitgeräusche. Zu einer vollständigen Schattenspielgruppe gehören noch zwei Musikanten, die Schellentrommel (daire) und Flöte spielen. Die Musik, die das Karagözspiel begleitet, lässt sich nicht eindeutig der klassischen osmanischen Kunstmusik und der Volksmusik zuordnen. Die verschiedenen Dialekttypen (ethnische und religiöse Gruppen aus dem ländlichen und städtischen Umfeld) werden mit Liedern eingeführt, die typisch für diese sind.

Quelle:Lindenmuseum Stuttgart

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